Im Widerstand gegen das Chaos

Ukrainische Flüchtlinge am Berliner Hauptbahnhof

Die Uhr des Berliner Hauptbahnhofs zeigt 12:43 Uhr. Im Bahnhof befindet sich wie immer eine große Anzahl an Menschen. Jeder von ihnen scheint ein Ziel zu haben, sie eilen durch die Halle. Mittendrin stehen vereinzelt Gruppen, einige werden von einer Person in gelber Warnweste begleitet. Die Gruppen sind bunt gemischt, Menschen unterschiedlichster Gesellschaftsgruppen stehen zusammen, vereinzelt haben sie Kinder und Haustiere dabei. Auffällig ist jedoch, das sie alle fast nur aus Frauen bestehen.

Eine weitere Gemeinsamkeit ist: Sie alle kommen aus der Ukraine und sind vor dem dort herrschenden russischen Angriffskrieg geflohen. Bis zu 6000 Flüchtlinge kommen pro Tag am Berliner Hauptbahnhof an. Jeder von ihnen hofft in Deutschland verbleiben zu können oder möchte in ein anderes Land weiterreisen. Um das alles möglich zu machen, braucht es viele ehrenamtliche Helfer.

Einer von ihnen ist Reinhard Zoffel. Seit Beginn des Ukraine-Kriegs hilft er nun schon Flüchtlingen bei ihrer Ankunft in Deutschland und hilft ihnen, sich zurecht zu finden. Als Mitglied der Berliner Stadtmission sorgt er dafür, dass jeder der Flüchtlinge eine entsprechende Erstversorgung erhält.

Hinter dem Bahnhof wurde dafür ein großes Zelt aufgebaut. Es wird umringt von vielen Containern. An Container 8 wartet Reinhard Zoffel. Er führt mich in das große Zelt. Es befinden sich erstaunlich wenig Flüchtlinge darin. Alles geht relativ geordnet zu. Die meisten sitzen an langen Bänken und haben zum ersten Mal seit Tagen die Möglichkeit sich auszuruhen und in Ruhe zu essen.

Es sind häufig Mütter mit ihren Kindern. In einer Ecke wurde ein abgetrennter Bereich zum Stillen und Wickeln der Babys eingerichtet. Direkt daneben gibt es einen Platz, an dem die Kinder, beaufsichtigt von Ehrenamtlichen, spielen können. Viele der Kinder haben gemalt. An der Wand hängen hunderte Bilder. Die meisten zeigen die ukrainische oder deutsche Flagge, einige haben eine Friedenstaube gemalt.

In einer anderen Ecke wurde eine Essensausgabe eingerichtet, das Angebot ist erstaunlich reichhaltig. Es gibt viele Süßigkeiten und sowohl kalte als auch warme Speisen. Anschließend befindet sich ein Lager, wo sich die Menschen mit Hygieneartikeln und allem, was sie sonst brauchen, eindecken können. Auch für die Haustiere gibt es Futter und Wasser. Sogar ein Katzenklo wurde bereitgestellt. An den Türen stehen Sicherheitsleute und auch für die medizinische und psychische Grundversorgung wird durch das Deutsche Rote Kreuz gesorgt.

Reinhard Zoffel erzählt von den Herausforderungen, vor die er und die anderen Ehrenamtlichen täglich gestellt werden. Beispielsweise ein Achtjähriger, der alleine nach Deutschland gereist ist. Er saß alleine am Bahnhof und antwortete auf die Frage, wo seine Eltern seien, dass sie nur kurz Tickets kaufen. Auffällig war, dass er kein Gepäck dabei hatte. Die Staatsskepsis ist ein großes Problem, berichtet Zoffel. Viele Flüchtende sind es gewohnt, skeptisch dem Staat gegenüber zu sein.

Ein weiteres Problem sind Menschenhändler, welche sich als Ehrenamtliche ausgeben und hauptsächlich junge Frauen versprechen, dass sie sie an einen sicheren Ort bringen können. Diese versuchen dann meist die Frauen zu Zwangsprostituierten zu machen.

Die ukrainischen Flüchtlinge haben viele Widrigkeiten überlebt und werden noch viele meistern müssen. Denn ihr Weg endet nicht in Berlin. Vor dem Zelt stehen zwei Busse. Beide sind leer. Sie werden die Geflüchteten nun nach Tegel bringen. Dort wird sich entscheiden, wo sie hingebracht werden.

Die Busse füllen sich. Die Uhr des Berliner Hauptbahnhofs zeigt 12:55 Uhr als sich die Tür hinter den ukrainischen Flüchtlingen schließt und sie in Richtung Tegel fahren.

Über Lisa Stalke 2 Artikel
Mein Name ist Lisa, ich bin 16 Jahre alt und gehe in die 11. Klasse. Ich interessiere mich besonders für Politik und Geschichte. Mit meinem Artikel "Das Europa der Zukunft" habe ich den unzensiert-Preis des Jahres 2021/2022 in der Kategorie "Mein Europa" gewonnen.