5 Gründe, weswegen Heartstopper nicht nur eine weitere Coming-of-Age-Story ist

Eine absolute Empfehlung für eure Watchlist!

Kaum hat eine Serie in kurzer Zeit so einen Erfolg auf einer Streaming-Plattform wie Heartstopper bei Netflix gehabt. Eine Story über Nick (gespielt von @Kit Connor) und Charlie (@Joe Locke), zwei Highschool-Jungs, die im Laufe der acht Folgen merken, dass sie mehr als nur Freundschaft füreinander empfinden. Vorlage für die Serie waren dabei die Graphic Novels von Alice Oseman. Regisseur Euros Lyn und sie schrieben gemeinsam das Drehbuch.

Nun könnte man sich fragen, ob die Welt noch eine weitere Coming-of-Age-Geschichte benötigt. Wir sagen: Ja, unbedingt!
Nicht nur, weil queere Themen in die Öffentlichkeit gehören, sondern gerade, weil Heartstopper es schafft, das Genre ganz neu anzugehen.

Hier sind 5 Gründe, die Heartstopper so besonders machen:

1. Cast
Die Besetzung scheint im ersten Moment nur logisch zu sein: Junge Menschen – meist nur ein oder zwei Jahre älter als der Seriencharakter. Aber gerade das macht die Schauspieler*innen authentisch. Sie haben die Schulbank eben noch gedrückt. Die beiden Hauptdarsteller legen derzeit sogar noch ihr Abitur in England ab. Dazu kommt, dass unverbrauchte und im Filmbusiness unerfahrene Protagonisten zum Einsatz kamen. Erfahrungen seit der Kindheit vor der Kamera hatte lediglich Kit Connor alias Nick.

2. Bisexualität
Das B in LGBTQIA+ steht für bisexuell. In Filmen und Serien werden bisexuelle Rollen oftmals mit Frauen besetzt. Zum Teil mit dem anrüchigen Extra des Sich-Lediglich-Ausprobierens. Männliche bisexuelle Charaktere kennt man auf der Leinwand eigentlich nicht. Es gibt nur ganz oder gar nicht. Wie oft hört man Sätze, wie: „So richtig entschieden hat er / sie sich aber noch nicht.“ Aber genau das macht ja die Diversität aus: die Grautöne. Umso schöner ist die Darstellung von Nick als bekennender bisexueller Mann.

3. Trans
Das T steht für Transmenschen. Im Gegensatz zu den bisexuellen Charakteren sind diese häufiger im Kino oder auf den Streamingplattformen zu sehen. Die herausragende Yasmin Finney spielt Elle in Heartstopper, die im Jahr zuvor von der Jungs- zur Mädchenschule gewechselt ist. In verschiedenen Interviews sagte sie, dass sie sich kaum verstellen musste, da sie die Geschichte von Elle mit allen Höhen und (leider auch) Tiefen genauso erlebt hat. Es bleibt zu hoffen, dass sie in weiteren (Die Fanbase fordert sie vehement.) Staffeln noch mehr Raum bekommt. Was hier besonders gefällt: Eher beiläufig wird erzählt, dass Elle die Schule am Anfang des Jahres gewechselt hat. Natürlich (!) geht sie auf eine Mädchenschule.

„Heartstopper“ holt uns am Ende alle ab: Ob wir hetero-, homo-, bi-, pansexuell sind, ob wir cis, trans oder non-binär sind – das ist alles am Ende aller Tage nichts weiter als ein Label. Was uns ausmacht, ist die Fähigkeit zu lieben. Egal wie beängstigend, einnehmend, überwältigend sie manchmal sein mag: Die Liebe überwiegt alles.

Christian Schierwagen: Die Jugend, die ich nie haben werde. https://www.brigitte.de/guido/wohnzimmer/-heartstopper—die-jugend–die-ich-nie-haben-werde-13218254.html

4. Familienserie

Heartstopper ist durch den positiven Grundton und die natürliche Darstellung eine Serie für die ganze Familie. Obwohl auf den ersten Blick sicherlich ein jüngeres Publikum angesprochen ist, finden alle anderen ebenso Anknüpfungspunkte. Für eine schöne Liebesgeschichte ist man nie zu alt. Außerdem muss man als Elternteil keine Angst vor roher Gewalt oder unangepasster Sprache haben. Trotzdem rüttelt die Serie auf und man fragt sich, wie wurde mit den Themen in der eigenen Jugend umgegangen. Kit Connor fasst es in einem Interview mit Cool America so zusammen:

I don’t think a show like this has ever really been made for its target audience. A lot of shows about queer teens, especially in the recent past, have been more for older teens or young adults. This is a show you can watch with your whole family, with anyone really, and that’s what makes it so new in my opinion. It has this element of innocence and truth and love. Even though it’s a very optimistic and heartwarming series, it feels very real and grounded and deals with some really important issues.

Kit Connor im Interview mit Cool America. https://coolamericamag.com/kit-connor/

5. „Das habe ich ja noch nie gesehen…“

Oftmals spielen Serien auf die vielen negativen Aspekte des Umgangs der Gesellschaft mit der LGBTQIA+-Community an (, die es natürlich auch gibt!). Heartstopper zeigt eine freundliche, bejahende und herzerwärmende Geschichte einer Gruppe junger Menschen. Die verschiedenen Menschen unter dem Regenbogen erleben Liebe und Zuneigung auf so positive und inspirierende Weise, wie sie vorher noch in keiner anderen Sendung zu sehen war. Dabei versucht sie nicht so zu tun, als wäre ein Coming Out oder das Bestehen in der Gesellschaft etwas immer Leichtes und Problemloses. Sie stellt aber einen positiven Gegenentwurf zu anderen Darstellungen auf. Besser als Christian Schierwagen kann man es nicht ausdrücken:

Als queere Person habe ich queeren Filmen und Serien selten viel abgewinnen können, bzw. bin sehr skeptisch bei diesen Medien. Natürlich gibt es auch in diesem Genre wunderschöne Produktionen wie beispielsweise der Film „Call Me by Your Name“, der mich lange Zeit verfolgt und bewegt hat. Doch auf jedes solcher guten Beispiele gibt es zehnfach öfter eine Produktion wie die ARD-Serie „All You Need“, die ich in puncto Dialoge und Darstellung teils als lächerlich, teils als beleidigend empfinde.

Beide genannten Beispiele halten sich mit dem Klischee des:der „tragischen Homosexuellen“ zurück, der:die unter dem Erwachen der Sexualität unheimlich leidet, dessen:deren Coming-Out ein riesiges und für alle Beteiligten enorm schweres Ereignis wird, nach dessen Ende man sich mit den Liebsten entweder für alle Zeiten zerwirft oder weinend in den Armen liegt. The Drama! Und ich bin bis heute über jede queere Geschichte froh, in der nicht eine der beiden Personen brutalst verbal oder psychisch gequält oder gar getötet wird. Wirklich, als ich „Call Me by Your Name“ schaute, dachte ich über den ganzen Film: „Ich hoffe, niemand der beiden muss sterben.“ Und erst als der Abspann kam, konnte ich erleichtert aufatmen. „Begrabe deine Homosexuellen“ ist bis heute nämlich auch ein klischeebeladener und beliebter Umgang mit queeren Menschen in Medien. Als wäre Queerness etwas durch und durch Dramatisches, als würde die Geschichte der Queeren immer nur in Leid, Trauer und Tod enden können, wie alles, was nicht normal ist für die Mehrheitsgesellschaft.

Christian Schierwagen: Die Jugend, die ich nie haben werde. https://www.brigitte.de/guido/wohnzimmer/-heartstopper—die-jugend–die-ich-nie-haben-werde-13218254.html

Zusammenfassend muss man sagen, dass Alice Oseman und Regisseur Euros Lyn hier ein kleines Juwel geschaffen haben. Dass die Serie bei Netflix läuft, verschafft dem Thema eine unheimliche Reichweite. Netflix gibt an, in über 190 Ländern aktive Abonnenten zu haben – praktisch weltweit empfangbar zu sein. Eben auch in Staaten, in denen die Rechte der LGBTQIA+-Community mit Füßen getreten werden…

It’s impossible to measure precisely how important this show will be, not just for those initial fans, but also for everyone else who will stumble across Oseman’s work here for the very first time.

More than anything, I’m just grateful that Heartstopper exists at all. Because if you can’t see yourself in the world around you, it’s hard to see a future for yourself too. And no one should ever be made to feel like that.

David Opie: Netflix’s Heartstopper is the most important British show since It’s a Sin. https://www.digitalspy.com/tv/a39660545/heartstopper-review-netflix-gay-queer/

Heartstopper läuft seit dem 22.04.2022 bei Netflix.

Über Jan Steuernagel 1 Artikel
Seit 2010 betreue ich als beratender Lehrer die Schülerzeitung Profil. Ganz selten greife ich selbst mal zum Stift und schreibe einen Beitrag - getreu dem Motto der Profil, dass es eine Zeitung für alle an Schule Beteiligten ist. In meiner Schulzeit habe ich als Redakteur und später Chefredakteur an der Schülerzeitung meines Gymnasiums mitgearbeitet.

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